Der freie Wille

Jürgen Vogel schockiert und überzeugt

Interview mit Jürgen Vogel bei wdr.de (Teil 1)

Dieser Film ist ebenso beeindruckend wie fast unerträglich. Als Vergewaltiger geht der Schauspieler Jürgen Vogel im schonungslosen Liebesdrama "Der freie Wille" an die Grenze des Darstellbaren. Mit wdr.de traf er sich auf der Berlinale zum Interview.

Kein anderer Beitrag auf der Berlinale ist in diesem Jahr so umstritten wie der fast dreistündige Film von Matthias Glasner über den Serienvergewaltiger Theo (Jürgen Vogel). Nur in einem ist man sich einig: Etwas ähnlich Schockierendes wie die mehrminütige und detailliert gezeigte Vergewaltigungsszene gleich zu Beginn, wie die fast grotesk wirkende Racheaktion eines früheren Opfers an der Freundin von Theo oder wie die ebenso schonungslose wie erlösende Schlussszene hat es im deutschen Film in den vergangenen Jahren nicht gegeben.

Beklemmend authentisch

Im Mittelpunkt dieser WDR-Koproduktion steht der nach über neun Jahren als geheilt entlassene Vergewaltiger Theo. Und auch, wenn die so fürchterlich im Gedächtnis bleibende Anfangsszene es eigentlich unmöglich macht, entwickelt sich im weiteren Verlauf des Films beim Zuschauer unweigerlich ein Mitgefühl für diesen kranken Menschen. Theo lernt Nettie (Sabine Timoteo) kennen, und es entwickelt sich eine komplizierte Liebesgeschichte, die beiden Halt zu geben scheint. Doch schmerzhaft nah wird der Zuschauer dann Zeuge, wie Theo mit aller Macht gegen seinen Trieb ankämpft, am Ende aber doch kapitulieren muss. So beklemmend authentisch lässt Jürgen Vogel das Publikum 163 Minuten lang teilhaben an seinem Körper, seiner Einsamkeit, seiner Angst, dass nicht wenige meinen, für diese schauspielerische Leistung habe er einen Silbernen Bären verdient.

wdr.de: Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mir die Frage um die Ohren hauen: Wie viel Jürgen Vogel steckt denn in der Figur des Vergewaltigers Theo?

Jürgen Vogel: Da steckt schon viel von mir mit drin. Ich hab ja im Zuge der Recherche auch viel mit Vergewaltigern gesprochen, und mit Therapeuten, Psychiatern, Gutachtern. Irgendwann hast du so viele Biografien und verschiedene Persönlichkeiten und stellst fest: Es gibt gar nicht den Vergewaltiger. Du kriegst keine Antwort auf die Frage Wie ticken die denn? Sondern Du bekommst die unterschiedlichsten Informationen von den unterschiedlichsten Menschen, die ihre ganz individuellen Probleme haben. Außer natürlich, dass ihnen allen gemein ist, dass Sie menschenzerstörend sind. Aber ich bekam keine eindeutige Antwort auf eine bestimmte Situation. Und das war für mich als Schauspieler ein großes Problem. Und so kamen wir auf die Idee, von meinen Einsamkeiten, von meinen Ängsten und von meinen Krisen mitzuerzählen.

wdr.de: Der Regisseur Matthias Glasner hat erzählt, wie viel Überwindung die beteiligten Schauspieler diese Vergewaltigungsszene gekostet hat. Und dass er selbst großen Selbstekel beim Dreh empfunden habe. Warum tut man sich so eine Arbeit überhaupt an?

Jürgen Vogel: Weil man ein Ziel hat. Ich kann mir natürlich auch überlegen, bequeme Filme zu machen. Oder ich sage mir eben, dass das Ziel wichtiger ist als der mitunter harte Weg dahin. Ich nehme mich da dann auch zurück und sag: Gut, da muss ich jetzt durch, weil es das wert ist, diese Geschichte zu erzählen.

Aber ich kann ja auch mal erzählen, wie man sich schützt, während man so etwas dreht. Die Vergewaltigungsszenen waren, anders als alle anderen Szenen, geprobt. Sehr intensiv besprochen, auch mit den betroffenen Schauspielerinnen. Auch denen haben wir ja Enormes abverlangt. Was wir tun konnten war, darüber zu reden. Und es war für die Frauen ganz klar: Du musst nichts tun, was Du nicht willst. Du sagst mir, wo es ok ist, dass ich Dich anfasse und wo nicht. Du sagst mir, wo deine Grenzen sind. Außerdem haben wir ein Codewort vereinbart, so was wie "Osterhase". Wenn das gefallen wäre, hätte ich sofort aufgehört. Denn im Augenblick des Drehs habe ich mich ja nicht mehr unter Kontrolle, vor allem wäre ein "Nein, lass das!" oder ähnliches ja in der Drehsituation nicht eindeutig als echter Hilferuf erkennbar gewesen. Die Gratwanderung war: Es so wirken zu lassen, als sei es ganz schlimm, ohne dass es für die Beteiligten tatsächlich schlimm war.

wdr.de: Verfolgt Sie dieser Film stärker als vorherige Projekte?

Jürgen Vogel: Er führt zu viel mehr Diskussionen und dadurch verfolgt er mich auch mehr. Wenn mich Leute fragen: Was hast Du denn für einen Film gemacht, dann mach ich selber manchmal den Fehler und sage: Einen Film über einen Vergewaltiger. Aber das stimmt eigentlich nicht. Das ist kein Film über einen Sexualstraftäter. Das ist ein Film über Theo Stör und Netti. Also eigentlich auch eine Liebesgeschichte. Man traut sich das nur immer nicht zu sagen, weil man ja weiß, dass er vergewaltigt. Und deshalb ist das political incorrect, wenn man sagt, es sei eine Liebesfilm oder ein Film über einen Menschen. Man könnte auch sagen, es ist ein Film über Einsamkeit und das beinhaltet dann trotzdem, dass er sehr grausam ist.

wdr.de: "Der freie Wille" ist im offiziellen Wettbewerb vertreten und könnte somit einen Goldenen Bären gewinnen. Befasst man sich mit dem Gedanken: "Was wäre, wenn?"

Jürgen Vogel: Nein, ich versuche das zu verdrängen, weil dieser Gedanke mich nervt. Ich bin schon froh, dass der Film es überhaupt in den Wettbewerb geschafft hat. Das ist eine große Ehre. Und ich merke ja schon an den Reaktionen derjenigen, die in der Auswahlkomission saßen, dass der Film sie bewegt hat. Und das ist für mich die Bestätigung, dass es gut war, diesen Film zu machen. Und dass es okay war, dafür sechs Jahre meines Leben zu opfern.

zum 2. Teil des Interviews

 
Berlinale
Silberner Bär für Jürgen Vogel für herausragende künstlerische Gesamtleistung als Schauspieler, Co-Autor und Co-Produzent.
Regiepreis der Gilde der deutschen Filmkunsttheater für Matthias Glasner.
Tribeca-Filmfestival 2006 -
Bester Schauspieler Jürgen Vogel.
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